Wikinger-Runen und ihre Bedeutung: Was wirklich belegt ist

Kurzantwort: Die Wikinger schrieben mit dem jüngeren Futhark, einer Runenreihe aus 16 Zeichen, die sich um das Jahr 800 aus der älteren Reihe mit 24 Zeichen entwickelte. Die Namen der Runen sind über drei mittelalterliche Runengedichte überliefert und stehen für Alltagsdinge wie Vieh, Eis, Sonne oder Ernte. Feste Orakelbedeutungen, wie man sie heute in Runensets findet, stammen aus dem 20. Jahrhundert und lassen sich in den Quellen nicht nachweisen.

Runen sind Buchstaben. Sie wurden in Holz, Knochen und Stein geritzt, weil gerade Linien sich quer zur Maserung leichter schneiden lassen als runde.

Wer nach der Bedeutung von Wikinger-Runen sucht, stößt schnell auf Listen mit Schlagworten wie Schutz, Erfolg und Wandel. Für einen Teil dieser Zuschreibungen gibt es historische Anhaltspunkte, für einen größeren Teil nicht.

Dieser Text trennt beides: erst die Runenreihe und die Quellen, dann die Deutungen und ihre Herkunft.

Welche Runen die Wikinger benutzten

Die Wikingerzeit umfasst grob die Jahre 800 bis 1100. In dieser Zeit war in Skandinavien das jüngere Futhark in Gebrauch, eine Reihe aus 16 Zeichen.

Der Name Futhark kommt von den Lautwerten der ersten sechs Runen: f, u, th, a, r, k. Genauso funktioniert das Wort Alphabet, das aus Alpha und Beta gebildet ist.

Vor dem jüngeren Futhark stand das ältere Futhark mit 24 Zeichen. Die älteste bekannte Runeninschrift trägt ein Kamm aus dem dänischen Moorfund von Vimose, datiert auf etwa 160 nach Christus.

Die erste vollständige Runenreihe in korrekter Reihenfolge steht auf dem Kylverstein von Gotland aus der Zeit um 400. Die Wikinger schrieben also mit einem Zeichensatz, der zu ihrer Zeit schon mehrere Jahrhunderte alt war.

Warum aus 24 Zeichen 16 wurden

Die Reduktion um das Jahr 800 wirkt seltsam, denn die Sprache wurde in dieser Zeit lautlich reicher, nicht ärmer.

Die Folge war eine Schrift, die mehrdeutig las: Ein Zeichen konnte mehrere Laute abdecken, etwa k und g oder u, o und y. Wer eine Inschrift entziffern wollte, musste den Zusammenhang mitdenken.

Für die Schreiber war das offenbar kein Problem. Praktisch war die kurze Reihe leichter zu lernen und schneller zu ritzen, und genau das passt zu einer Schrift, die im Alltag benutzt wurde.

Woher wir die Namen kennen

Jede Rune trägt einen Namen, der mit ihrem Lautwert beginnt. Überliefert sind diese Namen in drei Runengedichten.

Das altenglische Runengedicht beschreibt das angelsächsische Futhorc, das norwegische stammt aus dem 13. Jahrhundert, das isländische aus dem 15. Jahrhundert. Alle drei sind also deutlich jünger als die Runen selbst.

Die Gedichte liefern kurze Merkverse. Die Rune Fehu steht für Vieh und damit für beweglichen Besitz, Isa für Eis, Sol für die Sonne, Ar für ein gutes Jahr und die Ernte.

Diese Namen sind Merkhilfen für Laute, vergleichbar mit Anton, Berta, Cäsar im Buchstabieralphabet. Ob die Wikinger darin darüber hinaus Botschaften sahen, sagen die Quellen nicht.

Was auf Runensteinen wirklich steht

Runensteine sind meistens Gedenksteine. Die häufigste Formel lautet sinngemäß: Diese Person ließ den Stein setzen nach jener Person, ihrem Vater, Bruder oder Gefährten.

Dazu kommen Angaben über Reisen, Erbschaften, Brückenbauten und den christlichen Glauben der Auftraggeber. Viele Steine der späten Wikingerzeit tragen ein Kreuz.

Zauberformeln sind die Ausnahme. Wer Runensteine liest, findet vor allem Namen, Verwandtschaft und Besitz, also das, was eine Gesellschaft öffentlich festhalten wollte.

Runen im Alltag: die Funde von Bergen

1955 brannte ein Teil des Hansekontors Bryggen in Bergen. Bei den anschließenden Ausgrabungen kamen rund 670 Runeninschriften auf Holz und Knochen ans Licht, geritzt zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert.

Der Fund veränderte das Bild der Runenschrift. Vorher galt sie vielen als Schrift für Denkmäler und feierliche Formeln.

Auf den Stäbchen von Bryggen stehen Besitzmarken nach dem Muster „Eysteinn besitzt mich“, Warenbestellungen, Geschäftsbriefe, Verse und private Nachrichten. Eine davon lautet übersetzt „Meine Liebste, küss mich“.

Magie, Orakel und moderne Deutungen

Ein früher Hinweis auf ein germanisches Losorakel steht bei Tacitus. Im 10. Kapitel der Germania beschreibt er, wie Zweiglein mit bestimmten Zeichen auf ein weißes Tuch gestreut und dann gedeutet wurden.

Ob es sich dabei schon um Runen handelte, ist offen. Tacitus schreibt von notae, also von Zeichen, ohne sie näher zu bestimmen.

Die Sagas kennen Runenmagie als literarisches Motiv. In Kapitel 72 der Egils saga heilt Egill eine kranke Frau, nachdem er falsch geritzte Runen abgeschabt und neue geschnitten hat. Der bekannte Vers dazu warnt davor, Runen zu ritzen, wenn man sie nicht zu deuten weiß.

Die heute verbreiteten Orakelbedeutungen gehen dagegen auf ein Buch von 1982 zurück: Ralph Blums „The Book of Runes“ verkaufte Runenplättchen samt Deutungsschlüssel. Blum ordnete die Zeichen neu und ergänzte eine leere Rune, die in keiner historischen Quelle vorkommt.

Häufige Fragen

Kann ich meinen Namen in Wikinger-Runen schreiben?

Nur näherungsweise. Das jüngere Futhark hat 16 Zeichen für deutlich mehr Laute, eine eindeutige Umschrift gibt es nicht.

Welche Rune steht für Schutz?

Diese Zuordnung stammt aus moderner Literatur. In den Runengedichten trägt keine Rune eine solche Funktion.

Gab es Runenmeister?

Einige Steine nennen den Ritzer namentlich, etwa Öpir in Uppland. Sie waren Handwerker, keine Priester.

Sind Runen eine germanische Erfindung?

Die Zeichenformen gehen sehr wahrscheinlich auf ein mediterranes Alphabet zurück, wahrscheinlich das lateinische oder ein norditalisches.

Was ist eine Bindrune?

Zwei oder mehr Runen, die sich einen Stab teilen. Belegt ist das als Platz- und Arbeitsersparnis auf Stein und Holz.

Sind Runen heute verboten?

Runen an sich nicht. Verboten sind Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, etwa die doppelte Sig-Rune der SS.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Clara, Redaktion wissenkosmos.de — sie schreibt hier über Wissensthemen und ordnet sie ein.

Nach oben scrollen