Runen und ihre spirituelle Bedeutung: Fakten statt Mythen

Kurzantwort: Runen waren in erster Linie eine Schrift. Das älteste Futhark hatte 24 Zeichen, die ältesten Funde stammen aus dem 2. Jahrhundert. Jede Rune trug einen Namen wie „fehu“ für Vieh und Reichtum, daraus leiten moderne Deutungen ihre Bedeutungen ab. Ein historisches Runenorakel ist nicht belegt; die heutige Runenesoterik entstand ab 1900.

Runensets für Wahrsagerei gibt es in jedem Esoterikladen. Auf der Packung steht meist „uraltes germanisches Orakel“.

Die Forschungslage sieht anders aus. Sie ist gut dokumentiert, weil rund 7.100 Runenfunde bekannt sind.

Dieser Text trennt, was in den Funden steht, von dem, was ab dem späten 19. Jahrhundert dazuerfunden wurde.

Runen waren zuerst eine Schrift

Die älteste überlieferte Runenreihe heißt nach ihren ersten sechs Zeichen Futhark und bestand aus 24 Zeichen in drei Gruppen.

Die ältesten Inschriften datieren ins 2. Jahrhundert. Sie stammen aus Moorfunden in Jütland, Schleswig-Holstein und Südschweden. Ein Kamm aus dem Moorfund von Vimose trägt die Inschrift „harja“ und wird auf 150 bis 200 nach Christus datiert.

Etwa 450 Inschriften im älteren Futhark sind bislang bekannt (Stand 2023). Der weitaus größte Teil aller Runenfunde stammt dagegen aus dem Skandinavien der Wikingerzeit, als bereits das jüngere Futhark mit 16 Zeichen benutzt wurde.

Jedes Graphem entsprach einem Laut. Runen funktionierten also als Alphabet.

Die meisten erhaltenen Inschriften sind auch inhaltlich nüchtern. Auf Runensteinen steht in der Regel „(Name) errichtete für (Name)“ und dahinter der Verwandtschaftsgrad. Allein in Schweden sind rund 2.500 Runensteine bekannt, davon 1.200 in Uppland.

Woher die Bedeutungen kommen

Ein Merkmal der Runenschrift ist, dass jedes Zeichen einen Namen trägt – meist ein Wort, das mit dem entsprechenden Laut beginnt. Die f-Rune hieß „fehu“: Vieh, Fahrnis, Reichtum.

Diese Namen sind für das älteste Futhark nicht überliefert. Sie werden aus jüngeren Runenreihen und aus mittelalterlichen Runengedichten rekonstruiert. Nicht alle Formen sind unumstritten.

Genau hier setzen moderne Deutungen an: Aus „fehu“ wird Wohlstand, aus der Eis-Rune Stillstand. Das ist eine Ableitung aus einem Wort. Als spirituelle Bedeutung ist sie nicht überliefert.

Die Rekonstruktion stützt sich unter anderem auf Runengedichte. Das älteste erhaltene Beispiel ist das Abecedarium Nordmannicum aus dem 9. Jahrhundert, dazu kommen ein angelsächsisches Runengedicht aus dem 11. Jahrhundert und Fassungen aus Norwegen und Island. Alle stammen aus christlicher Zeit.

Magie im historischen Befund

Es gibt Hinweise auf magischen Gebrauch. Futhark-Einritzungen auf Schmuck und Waffen werden in der Forschung meist als Glücksfetische gedeutet.

Auf der Fibel von Beuchte aus dem 6. Jahrhundert steht neben einem Namen die Futhark-Reihe von f bis r. Sie zeigt keine Abnutzung und wurde womöglich erst nach dem Tod der Trägerin eingeritzt – diskutiert wird ein Schutz gegen Wiedergänger.

Das sind einzelne Befunde mit vorsichtigen Deutungen. Ein System, in dem man Runen zieht und daraus die Zukunft liest, lässt sich daraus nicht ableiten.

Auch die Eddas und Sagas helfen nur bedingt. Sie wurden im bereits christianisierten Umfeld aufgeschrieben und geben kaum ungefilterte heidnische Vorstellungen wieder.

Woher die moderne Runenesoterik stammt

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand in völkisch-mystischen Kreisen ein neues Interesse an Runen.

Der wichtigste Impulsgeber war Guido von List (1848–1919), Mitgründer der rechtsesoterischen Ariosophie. Sein „Runenwissen“ empfing er nach eigenem Bekunden in Visionen.

List erfand ein eigenes Zeichensystem mit 18 Runen, das Armanen-Futhark. Es stützt sich nur lose auf das jüngere Futhark und hat mit den historischen Reihen wenig zu tun. Bis in die 1970er Jahre arbeitete die Runenesoterik fast ausschließlich mit diesem erfundenen System.

Erst später griffen Autoren wieder auf das ältere Futhark mit 24 Zeichen zurück, etwa Stephen Flowers, der unter dem Namen Edred Thorsson publiziert.

Weitere Namen dieser Linie sind Karl Maria Wiligut und Friedrich Bernhard Marby, der die sogenannte Runengymnastik erfand. Bei ihr sollen Körperhaltungen einzelne Runen nachbilden. Auch das ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Runen im Rechtsextremismus

Diese Vorgeschichte hat Folgen bis heute. Die völkische Sig-Rune wurde von Hitlerjugend und SS verwendet, die Odalrune wird von Neonazis genutzt.

Einzelne Zeichen aus Lists Armanen-Futhark und runenähnliche Symbole wie die Schwarze Sonne dienen in rechtsextremen Kreisen als Erkennungszeichen.

Der Altgermanist Rudolf Simek hat das für die Bundeszentrale für politische Bildung eingeordnet. Wer Runen trägt oder verschenkt, sollte wissen, welche Zeichen in Deutschland belastet sind. Bei einzelnen Symbolen kann die Verwendung strafrechtlich relevant sein; dieser Text ersetzt keine Rechtsberatung.

Was ein Runenorakel leisten kann

Im heutigen Ásatrú werden Runen als Schrift, für rituelle Zwecke und gelegentlich als Losorakel benutzt. Das ist gelebte moderne Praxis und wird dort auch so beschrieben.

Als Werkzeug zum Nachdenken funktioniert das Ziehen einer Rune wie jede andere Zufallsvorgabe: Sie zwingt dich, ein Thema zu benennen.

Eine Aussage über die Zukunft steckt nicht darin. Wer Runen historisch interessant findet, kommt mit der Runenkunde weiter als mit jedem Orakelset.

Häufige Fragen

Was bedeuten Runen spirituell?

Moderne Deutungen leiten die Bedeutung aus den rekonstruierten Runennamen ab. Eine überlieferte spirituelle Bedeutungslehre gibt es nicht.

Wie alt sind Runen?

Die ältesten gesicherten Funde stammen aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus.

Wie viele Runen gibt es?

Das ältere Futhark hat 24 Zeichen, das jüngere 16, das angelsächsische Futhorc bis zu 33.

Ist das Runenorakel alt?

Nein. Die heutige Praxis stammt aus dem 20. Jahrhundert. Historisch sind Runen vor allem Schrift.

Was sind Armanen-Runen?

Ein 18-teiliges Zeichensystem, das Guido von List um 1900 erfand. Es ist nicht historisch.

Sind Runen rechtsextrem?

Die historischen Runen nicht. Einzelne Zeichen wurden aber von NS-Organisationen und Neonazis vereinnahmt und sind entsprechend belastet.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Clara, Redaktion wissenkosmos.de — sie schreibt hier über Wissensthemen und ordnet sie ein.

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