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Kurzantwort: Nordische Runen gibt es in drei großen Reihen: das ältere Futhark mit 24 Zeichen ab dem 2. Jahrhundert, das angelsächsische Futhorc mit bis zu 33 Zeichen und das jüngere Futhark mit 16 Zeichen ab etwa 800. Jede Rune hat einen Namen, der ihren Lautwert trägt und ein Alltagswort bezeichnet, etwa Vieh, Eis, Sonne oder Birke. Diese Namen sind über drei mittelalterliche Runengedichte überliefert.
Runen waren Gebrauchsschrift. Sie standen auf Kämmen, Spinnwirteln, Waffen, Grabsteinen und Holzstäbchen und wurden über mehr als tausend Jahre benutzt.
Die Vorstellung, jede Rune trage eine feste seelische Bedeutung, ist jünger als die Schrift selbst. Sie entstand im 19. und 20. Jahrhundert und hat mit der Überlieferung wenig zu tun.
Was sich dagegen sicher sagen lässt: die Reihenfolge der Zeichen, ihre Lautwerte und ihre Namen. Damit beginnt jeder ernsthafte Blick auf das Thema.
Drei Runenreihen im Überblick
Das ältere Futhark umfasst 24 Zeichen und war etwa vom 2. bis ins 8. Jahrhundert in Gebrauch. Die älteste bekannte Inschrift steht auf einem Kamm aus dem Moor von Vimose in Dänemark und wird auf etwa 160 nach Christus datiert.
Das angelsächsische Futhorc entwickelte sich daraus auf den britischen Inseln. Es wuchs im Lauf der Zeit auf bis zu 33 Zeichen an, weil sich die Sprache veränderte und neue Laute abgebildet werden mussten.
Das jüngere Futhark ging den umgekehrten Weg: Um 800 schrumpfte die Reihe auf 16 Zeichen. Es ist die Schrift der Wikingerzeit und begegnet auf tausenden Runensteinen in Schweden, Norwegen und Dänemark.
Warum die Reihe Futhark heißt
Der Name ist keine Erfindung von Forschern, sondern folgt derselben Logik wie das Wort Alphabet. Er setzt sich aus den Lautwerten der ersten sechs Zeichen zusammen: f, u, th, a, r, k.
Die Reihenfolge der Runen weicht dabei stark von der lateinischen ab. Sie ist auf mehreren Fundstücken in voller Länge geritzt, das bekannteste davon ist der Kylverstein von Gotland aus der Zeit um 400.
Diese vollständigen Reihen sind für die Forschung wertvoll, weil sie zeigen, welche Zeichen zu welcher Zeit zusammengehörten und wie sich die Formen veränderten.
Die Runengedichte als Quelle der Namen
Drei Texte überliefern die Namen: das altenglische Runengedicht, das norwegische aus dem 13. Jahrhundert und das isländische aus dem 15. Jahrhundert.
Jede Strophe beschreibt ein Zeichen mit ein bis drei Zeilen. Der Ton ist nüchtern und oft sprichwörtlich, es geht um Besitz, Wetter, Reisen, Krankheit und Tod.
Fehu bezeichnet Vieh und damit beweglichen Reichtum. Uruz steht für den Auerochsen, Isa für Eis, Sol für die Sonne, Ar für ein fruchtbares Jahr, Bjarkan für die Birke, Madr für den Menschen und Logr für Wasser.
Die Namen der 24 Zeichen des älteren Futhark sind nur teilweise direkt überliefert. Ein Teil wurde aus den jüngeren Reihen und aus Handschriften erschlossen, ist also Rekonstruktion.
Ein Sonderfall sind die Zweigrunen, bei denen die Position einer Rune innerhalb der Reihe durch Striche links und rechts eines Stabs angegeben wird. Sie zeigen, dass die Reihenfolge des Futhark den Schreibern genau bekannt war.
Häufige Irrtümer beim Übersetzen
Runen sind kein Geheimalphabet für deutsche Wörter. Es gibt keine eigenen Zeichen für ä, ö, ü, c, q, v oder z, und der Lautbestand passt nicht eins zu eins.
Wer einen Namen in Runen setzen will, transkribiert Laute, nicht Buchstaben. Je nach gewählter Reihe fällt das Ergebnis unterschiedlich aus.
Ein zweiter Irrtum betrifft die Richtung. Inschriften laufen von links nach rechts, von rechts nach links oder zeilenweise abwechselnd. Spiegelverkehrte Zeichen sind auf Originalen keine Seltenheit.
Runen, die missbraucht werden
Ein Teil der Zeichen wurde im 20. Jahrhundert von völkischen und nationalsozialistischen Gruppen vereinnahmt. Das wirkt bis heute nach.
Die doppelte Sig-Rune der SS ist als Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs verboten. Dasselbe gilt für die Odalrune in der Form, die die 1994 verbotene Wiking-Jugend verwendete.
Die übrigen Runen sind nicht verboten. Wer sie öffentlich trägt, sollte allerdings damit rechnen, dass sie in bestimmten Zusammenstellungen falsch verstanden werden.
Vergleichbar ist die Rechtslage beim stilisierten Keltenkreuz. Der Bundesgerichtshof entschied am 1. Oktober 2008, dass dessen öffentliche Verwendung grundsätzlich den Tatbestand des Paragrafen 86a erfüllt, sofern die Gesamtumstände nicht eindeutig etwas anderes zeigen.
Was moderne Runendeutung damit zu tun hat
Runensets mit Deutungsheft gibt es seit den 1980er Jahren im Buchhandel. Den Anfang machte Ralph Blums „The Book of Runes“ von 1982.
Blum stellte die Reihenfolge um, veränderte die Zuordnungen und fügte eine leere Rune hinzu. Für diese leere Rune gibt es in Eddas, Sagas und Inschriften keinen einzigen Beleg.
Wer Runen als Denkanstoß nutzt, kann das tun. Als historische Aussage über die Wikingerzeit taugen die modernen Deutungslisten nicht.
Häufige Fragen
Wie viele Runen gibt es?
24 im älteren Futhark, 16 im jüngeren, bis zu 33 im angelsächsischen Futhorc.
Welche Reihe passt zu einem Wikinger-Tattoo?
Das jüngere Futhark. Es war zwischen 800 und 1100 in Skandinavien in Gebrauch.
Kann eine Rune negativ sein?
Die Runengedichte beschreiben auch unangenehme Dinge, etwa Eis oder Krankheit. Ein Bewertungssystem aus guten und schlechten Zeichen kennen sie nicht.
Wurden Runen wirklich geritzt und nicht geschrieben?
Beides ist belegt. Auf Holz und Stein wurde geritzt, in Handschriften des Mittelalters wurden Runen auch mit Feder geschrieben.
Was ist der Unterschied zwischen Runen und Ogham?
Ogham ist eine eigene Schrift aus dem irischen Raum mit Kerben entlang einer Kante. Mit den germanischen Runen ist sie nicht verwandt.
Gibt es eine offizielle Übersetzungstabelle?
Wissenschaftliche Umschriften folgen festen Konventionen, etwa in der Datenbank des Projekts RuneS. Populäre Onlinegeneratoren weichen davon oft ab.
Quellen
- RuneS-Datenbank der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
- Kylverstein
- BGH, Beschluss vom 1. Oktober 2008, 3 StR 164/08
- Paragraf 86a StGB
Geschrieben von Clara, Redaktion wissenkosmos.de — sie schreibt hier über Wissensthemen und ordnet sie ein.






