Runen für Liebe: Was historisch belegt ist und was nicht

Kurzantwort: Runen wurden im Mittelalter tatsächlich für Liebesbotschaften benutzt. Unter den rund 670 Runenstäbchen aus Bergen findet sich der Satz „Meine Liebste, küss mich“. Eine feste Liebesrune gab es dagegen nicht. Die heute verbreiteten Zuordnungen von Gebo, Wunjo oder Inguz zur Liebe stammen aus moderner Ratgeberliteratur, nicht aus den Quellen.

Wer nach Runen für die Liebe sucht, findet Listen mit klaren Ansagen: diese Rune für Anziehung, jene für Treue, eine dritte für die Rückkehr des Verflossenen.

Die historischen Quellen sind sparsamer, aber nicht leer. Es gibt Liebesbriefe in Runen, es gibt eine Sagaszene über missglückte Liebesrunen, und es gibt Zauberzeichen aus der frühen Neuzeit.

Nur zusammen ergibt das ein ehrliches Bild. Hier steht, was in welcher Quelle steht und wo die Grenze zwischen Überlieferung und Erfindung verläuft.

Liebesbotschaften, die es wirklich gab

1955 brannte ein Teil der alten Hafenbebauung Bryggen in Bergen ab. Die folgenden Ausgrabungen brachten rund 670 Runeninschriften auf Holz und Knochen zutage, geritzt zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert.

Der Inhalt ist Alltag: Besitzmarken, Warenbestellungen, Geschäftsbriefe, Übungen, Verse. Und eben private Nachrichten.

Eine der bekanntesten lautet übersetzt „Meine Liebste, küss mich“. Sie zeigt, dass Runen im mittelalterlichen Norwegen ganz selbstverständlich für persönliche Mitteilungen benutzt wurden.

Diese Stäbchen sind kein Zauber, sondern Post. Ein Stück Holz war billig, hielt Feuchtigkeit aus und ließ sich unauffällig weitergeben.

Die Warnung aus der Egils saga

Die literarische Überlieferung kennt Liebesrunen als Motiv. In Kapitel 72 der Egils saga kommt Egill zu einem Hof, auf dem eine junge Frau seit langem krank liegt.

Ein Nachbarssohn hatte versucht, ihre Zuneigung mit geritzten Runen zu gewinnen. Er beherrschte die Sache nicht, und die Frau wurde davon krank statt verliebt.

Egill findet die Zeichen, schabt sie ab, verbrennt die Späne und ritzt neue. Dazu spricht er den bekannten Vers, der sinngemäß mahnt, niemand solle Runen ritzen, der sie nicht zu deuten weiß.

Die Saga wurde im 13. Jahrhundert aufgeschrieben und spielt im 10. Jahrhundert. Sie belegt eine Vorstellung von Runenmagie, nicht deren Wirksamkeit.

Bemerkenswert ist, wie beiläufig die Szene erzählt wird. Runenritzen gilt in der Saga als Handwerk, das man beherrschen oder besser lassen sollte, ähnlich wie das Schmieden oder das Segeln.

Welche Runen heute mit Liebe verbunden werden

In modernen Runenbüchern tauchen vor allem drei Zeichen auf: Gebo, das X-förmige Zeichen, gilt als Rune der Gabe und der Gegenseitigkeit. Wunjo steht für Freude, Inguz für Fruchtbarkeit und Neubeginn.

Diese Zuordnungen sind schlüssig gedacht, aber jung. Sie entwickelten sich im 20. Jahrhundert aus der Runennamenkunde und wurden ab 1982 durch Ralph Blums „The Book of Runes“ massenhaft verbreitet.

Blum ordnete die Zeichen dabei neu und ergänzte eine leere Rune, die in keiner historischen Quelle steht. Wer seine Deutungen benutzt, benutzt ein modernes System.

Was die Runengedichte sagen

Die Namen der Runen sind über drei Gedichte überliefert: ein altenglisches, ein norwegisches aus dem 13. und ein isländisches aus dem 15. Jahrhundert.

Gyfu, die altenglische Entsprechung zu Gebo, wird dort als Gabe und Großzügigkeit beschrieben, die Ansehen bringt. Wynn steht für Freude und die Abwesenheit von Not.

Beide Zeichen fehlen im jüngeren Futhark, also in der Runenreihe der Wikingerzeit. Eine „Wikinger-Liebesrune“ aus Gebo ist damit gleich doppelt fragwürdig.

Von Liebe im romantischen Sinn ist in den Gedichten an keiner Stelle die Rede. Sie beschreiben Besitz, Wetter, Reisen, Krankheit und Tod.

Dazu kommt ein sprachliches Problem. Die altnordischen Texte kennen mehrere Wörter für Zuneigung, Freundschaft und Begehren, und keines davon deckt sich mit dem, was heute unter Liebe verstanden wird.

Bindrunen und isländische Zauberzeichen

Eine Bindrune verbindet zwei oder mehr Zeichen an einem gemeinsamen Stab. Das ist historisch belegt, diente aber vor allem der Platzersparnis auf Stein und Holz.

Wer heute Initialen als Bindrune gestaltet, folgt einer alten Technik mit neuem Zweck. Das ist legitim, solange es nicht als altes Ritual verkauft wird.

Häufig verwechselt werden Runen mit den isländischen Zauberstäben. Zeichen wie der Vegvísir stammen aus Handschriften der frühen Neuzeit, das bekannteste Beispiel wurde erst 1860 zusammengestellt. Mit der Wikingerzeit haben sie nichts zu tun.

Wenn du Runen als Tattoo willst

Kläre zuerst, welche Reihe gemeint ist. Älteres Futhark, jüngeres Futhark und angelsächsisches Futhorc unterscheiden sich in Zeichen und Lautwerten deutlich.

Lass dir die Umschrift erklären, Zeichen für Zeichen. Ein seriöser Entwurf kommt mit einer Begründung, nicht nur mit einer Grafik.

Prüfe die Vorlage außerdem auf Zeichen, die politisch belastet sind. Die doppelte Sig-Rune und die Odalrune in bestimmter Form fallen unter Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs.

Und plane die Größe mit. Runen leben von klaren geraden Linien; werden sie zu klein gestochen, verlaufen die Kanten mit den Jahren und die Zeichen werden unleserlich.

Häufige Fragen

Gibt es eine Rune für Liebe?

In den historischen Reihen nicht. Moderne Systeme ordnen der Liebe meist Gebo zu.

Wirken Liebesrunen?

Dafür gibt es keinen Nachweis. Belegt ist nur, dass Menschen im Mittelalter an eine Wirkung glaubten.

Kann ich einen Namen in Runen ritzen?

Ja, als Umschrift von Lauten. Eine eindeutige Lösung gibt es nicht, weil die Reihen weniger Zeichen als Laute haben.

Was bedeutet das X-förmige Zeichen?

Es ist die Rune Gebo aus dem älteren Futhark mit dem Lautwert g und dem Namen Gabe.

Sind Bindrunen historisch?

Ja, sie kommen auf Inschriften vor. Ihre Verwendung als persönliches Glückszeichen ist modern.

Woher stammen die Deutungslisten im Internet?

Fast alle gehen direkt oder indirekt auf Ratgeber der 1980er Jahre zurück, allen voran auf das Buch von Ralph Blum.

Quellen

Geschrieben von Clara, Redaktion wissenkosmos.de — sie schreibt hier über Wissensthemen und ordnet sie ein.

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