Vegvisir: Bedeutung, Herkunft und der Mythos vom Kompass

Kurzantwort: Vegvísir heißt auf Isländisch „Wegweiser“. Das Zeichen soll seinen Träger davor bewahren, sich bei Sturm und Unwetter zu verirren. Belegt ist es erstmals im Huld-Manuskript von 1860. Ein Zusammenhang mit der Wikingerzeit ist nicht nachweisbar, die Bezeichnung „Wikinger-Kompass“ ist irreführend.

Der Vegvísir läuft dir auf Anhängern, Tattoos und Trinkhörnern über den Weg. Meist steht daneben etwas von Wikingern und alter nordischer Magie.

Die Quellenlage sieht anders aus. Sie ist gut dokumentiert und lässt sich nachlesen, weil die Handschriften digitalisiert sind.

Hier steht, was in den Quellen steht – und was Händler daraus gemacht haben.

Was der Vegvísir sein soll

Der Vegvísir gehört zu den Galdrastafir, den isländischen Zauberzeichen. Der Name setzt sich aus „vegur“ für Weg und „vísir“ für Weiser zusammen.

Er zeigt acht Arme, die von einem Mittelpunkt ausgehen und jeweils unterschiedlich enden. Genau diese Achtteilung führt dazu, dass Leute an eine Windrose denken.

Nach den Handschriften ist er aber kein Navigationsgerät. Er ist ein Schutzzeichen gegen schlechtes Wetter. Man trägt ihn bei sich, man richtet ihn nicht aus.

Galdrastafir sind eine eigene isländische Gattung. Es gibt Zeichen gegen Diebstahl, gegen Krankheit, für Erfolg vor Gericht. Sie werden gezeichnet, getragen oder unter die Kleidung gelegt. Der Vegvísir ist eines von vielen und in der Überlieferung nicht besonders prominent.

Der erste Beleg: das Huld-Manuskript von 1860

Der isländische Gelehrte Geir Vigfússon (1813–1880) stellte 1860 in Akureyri ein Grimoire zusammen, das heute Huld-Manuskript heißt. Es enthält 30 durchnummerierte magische Zeichen.

Auf Seite 60 stehen zwei Vegvísir-Versionen unter den Nummern XXVII und XXIX. Am Rand steht der erklärende Satz: „Beri maður stafi þessa á sér villist maður ekki í hríðum né vondu veðri þó ókunnugur sà.“

Übersetzt: „Wenn ein Mensch dieses Zeichen bei sich trägt, verirrt er sich nicht bei Sturm und Unwetter, obwohl er ein Fremder ist.“

Die Handschrift liegt unter der Signatur ÍB 383 4to und ist online einsehbar. Frühere Abbildungen des Zeichens sind nicht bekannt.

Das Huld-Manuskript ist ein sogenanntes Grimoire, also eine Sammlung magischer Anleitungen. Solche Hefte wurden in Island bis ins 20. Jahrhundert abgeschrieben und weitergegeben. Sie sind Quellen für Volksglauben, nicht für die Religion der Wikingerzeit.

Drei weitere Handschriften

Der Vegvísir erscheint in drei weiteren isländischen Handschriften. Alle stammen aus derselben Gegend.

Das Galdrakver-Manuskript von 1868/69 stammt von Olgeir Geirsson (1842–1880), dem Sohn von Geir Vigfússon, ebenfalls aus Akureyri. Ein zweites Galdrakver von drei unbekannten Schreibern lässt sich nur allgemein ins 19. Jahrhundert datieren und stammt aus der Gegend des Eyjafjörður.

Das Galdrastafir-Manuskript I des Pfarrers Jónas Jónasson (1856–1918) aus Hrafnagil bei Akureyri entstand um 1910 und zeigt zwei Vegvísir-Varianten unter den Nummern 71 und 72.

Vier Handschriften, ein Ort, ein Zeitraum von rund fünfzig Jahren. Das ist die gesamte Überlieferung.

Die Zeichnungen unterscheiden sich dabei voneinander. Überliefert sind mehrere Varianten mit unterschiedlichen Armenden. Eine kanonische Fassung existiert nicht. Wer eine Darstellung als „die richtige“ verkauft, hat dafür keine Grundlage.

Warum „Wikinger-Kompass“ nicht stimmt

Die Wikingerzeit endet üblicherweise mit dem Jahr 1066. Das Huld-Manuskript entstand 1860, also rund achthundert Jahre später.

Weder die Eddas noch die altnordischen Sagas erwähnen den Vegvísir. In archäologischen Funden der Wikingerzeit taucht er nicht auf.

Der auf isländische Zauberzeichen spezialisierte Forscher Justin Foster hält eine Entstehung im späten 17. Jahrhundert für wahrscheinlich. Andere Forscher vermuten einen Einfluss westlicher, mediterraner Zaubertraditionen – der lässt sich auch bei weiteren Galdrastafir beobachten.

Populär wurde das Zeichen erst durch Schmuck, Tätowierungen und Serien mit nordischem Stoff. Der Begriff „Wikinger-Kompass“ ist eine Erfindung des Handels und taucht in keiner der vier Handschriften auf.

Christliche Spuren im Text

Wer das Zeichen für heidnisch hält, sollte die Begleittexte lesen. Im Galdrakver der unbekannten Schreiber steht: „Behalte dieses Zeichen unter deiner linken Hand; es heißt Vegvísir und es wird dir dienen, wenn du daran glaubst – so Gott will, glaube an den Namen Jesu.“

Der Text endet mit einer Bitte um Glück und Segen im Namen Jesu. Die isländische Zaubertradition des 19. Jahrhunderts war christlich geprägt. Das passt nicht zum Bild vom vorchristlichen Wikingerzeichen.

Was das für heutige Träger heißt

Das Zeichen ist echt. Es ist nur jünger, als der Handel behauptet, und es kommt aus einer volksmagischen Praxis Islands, nicht aus der Seefahrt.

Wer ihn als Schmuck oder Tattoo trägt, trägt ein isländisches Schutzzeichen des 19. Jahrhunderts. Das ist eine klare, belegbare Aussage – anders als „tausendjähriger Wikinger-Kompass“.

Praktisch: Achte bei Anbietern auf die Begründung. Wer 1860 und Akureyri nennt, hat die Quellen gelesen. Wer von Wikinger-Navigatoren erzählt, hat sie nicht gelesen.

Für Island selbst ist die Zaubertradition ein Stück Kulturgeschichte. Im Museum für isländische Zauberei und Hexerei in Hólmavík lässt sich nachvollziehen, wie diese Zeichen benutzt wurden und wie hart die Kirche im 17. Jahrhundert dagegen vorging. Wer sich für das Thema interessiert, findet dort mehr Substanz als in jeder Produktbeschreibung.

Häufige Fragen

Was bedeutet der Vegvísir?

Er ist ein Schutzzeichen gegen das Verirren bei Sturm und Unwetter. Der Name heißt wörtlich „Wegweiser“.

Ist der Vegvísir ein Wikingersymbol?

Nein. Der älteste Beleg stammt von 1860, rund achthundert Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit.

Wo steht der Vegvísir zum ersten Mal?

Im Huld-Manuskript, 1860 von Geir Vigfússon in Akureyri zusammengestellt, auf Seite 60.

Ist der Vegvísir ein Kompass?

Nein. Die Handschriften beschreiben ihn als Zeichen zum Tragen, nicht als Instrument zur Richtungsbestimmung.

Sind Vegvísir und Ægishjálmur dasselbe?

Nein. Der Ægishjálmur ist ein anderes Galdrastafur mit acht gleichen Armen. Beide werden oft verwechselt.

Ist das Zeichen heidnisch?

Die überlieferten Begleittexte sind christlich formuliert und rufen den Namen Jesu an.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Clara, Redaktion wissenkosmos.de — sie schreibt hier über Wissensthemen und ordnet sie ein.

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