Deutsche Runen und ihre Bedeutung: Fakten statt Mythen

Kurzantwort: Eine eigene deutsche Runenreihe gab es nicht. Die germanischen Völker nutzten das ältere Futhark mit 24 Zeichen, belegt etwa vom 2. bis 7. Jahrhundert. Die bekannten Runennamen sind rekonstruiert, nicht überliefert. Das oft zitierte Armanen-Futhark mit 18 Runen ist eine Erfindung von 1908.

Wer nach der Bedeutung deutscher Runen sucht, findet vor allem Deutungslisten. Dort steht dann, welche Rune für Schutz, Erfolg oder Liebe stehen soll.

Der Abstand zwischen diesen Listen und dem, was Fundstücke hergeben, ist groß. Beides lässt sich trennen, und das lohnt sich.

Gab es „deutsche Runen“?

Nein, jedenfalls nicht im heutigen Sinn. Runen waren eine Schrift germanischer Sprachen und wurden von Skandinavien bis in den Alpenraum benutzt. Eine Zuordnung zu einem Staat, den es damals nicht gab, ergibt keinen Sinn.

Insgesamt sind rund 7.100 Runeninschriften bekannt, Stand 2023. Die meisten stammen aus Skandinavien. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland sind Funde deutlich seltener.

Das ältere Futhark mit 24 Zeichen

Die älteste Runenreihe heißt nach ihren ersten sechs Zeichen Futhark. Sie umfasst 24 Runen, gegliedert in drei Achtergruppen.

Etwa 450 Inschriften in dieser Reihe sind bislang entdeckt worden. Zu den ältesten Funden gehören ein Kamm aus dem Moor von Vimose mit der Inschrift „harja“, datiert auf 150 bis 200 nach Christus, sowie ein Messer aus Odense.

Auffällig ist, wo die Stücke lagen: Viele stammen aus Moorfundplätzen in Jütland wie Vimose, Illerup Ådal, Nydam und Thorsberg. Die Inschriften sind kurz, oft nur ein Name.

Geschrieben wurde in harte Materialien: Metall, Knochen, Holz. Deshalb bestehen Runen fast nur aus geraden Strichen. Runde Formen ließen sich in Holz quer zur Maserung schlecht ritzen, waagerechte Linien verschwanden in ihr.

Die Leserichtung ist nicht festgelegt. Es gibt Inschriften von links nach rechts, von rechts nach links und solche, die zeilenweise die Richtung wechseln. Auch Spiegelungen einzelner Zeichen kommen vor.

Woher die Runennamen stammen

Für das ältere Futhark sind keine Namen überliefert. Was heute als Fehu, Uruz oder Ansuz kursiert, ist aus jüngeren Quellen zurückgerechnet.

Diese Quellen sind das Abecedarium Nordmannicum aus dem 9. Jahrhundert, das angelsächsische Runengedicht aus dem 11. Jahrhundert sowie isländische Handschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts. Sie liegen also Jahrhunderte nach den ältesten Inschriften.

Die Namen bezeichnen meist Alltagsdinge: Vieh, Auerochse, Hagel, Not, Eis, Jahr, Birke, Pferd, Mensch, Tag. Eine Zuweisung von Bedeutungen wie „Erfolg im Beruf“ findet sich in keiner dieser Quellen.

Das Prinzip dahinter heißt akrophones Verfahren: Der Name beginnt mit dem Laut, für den die Rune steht. Die Fehu-Rune steht für den Laut f, ihr Name bedeutet Vieh und damit Besitz. Vergleichbar funktioniert das Buchstabieralphabet am Telefon.

Zusätzliche Bedeutungen bekamen die Namen erst in den Runengedichten. Dort steht neben jedem Zeichen ein kurzer Vers, etwa über Hagel als Korn aus dem Himmel. Das sind poetische Merkverse, keine Orakelanweisungen.

Jüngeres Futhark und angelsächsisches Futhorc

Ab dem 7. bis 8. Jahrhundert schrumpfte die Reihe im Norden auf 16 Zeichen. Das jüngere Futhark hatte damit weniger Runen als die Sprache Laute — ein Zeichen musste mehrere Laute abdecken.

Später wurden Runen durch Punkte unterschieden. Ein vollständig punktiertes Alphabet ist ab 1228 belegt.

Auf den Britischen Inseln lief die Entwicklung umgekehrt. Das angelsächsische Futhorc wuchs bis auf 33 Zeichen, weil das Altenglische mehr Vokale unterschied.

Erfundene Runen: das Armanen-Futhark

Viele Deutungslisten im Netz gehen nicht auf Funde zurück, sondern auf Guido von List (1848 bis 1919). Er stellte eine Reihe von 18 Runen auf und versah sie mit esoterischen Bedeutungen.

Diese Reihe hat in keiner Inschrift eine Entsprechung. Karl Maria Wiligut baute später darauf auf, und über diesen Weg gelangten die Konstruktionen in völkische Kreise.

Wenn dir eine Liste mit 18 Runen und Bedeutungen wie „Sieg“ oder „Kraft“ begegnet, hast du fast immer diese Erfindung vor dir und nicht das historische Futhark.

Wo Runen strafbar werden

Runen sind als Schriftzeichen nicht verboten. Verboten ist nach § 86a des Strafgesetzbuchs das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Darunter fällt die doppelte Sigrune als Abzeichen der SS. Auch andere Zeichen werden erfasst, wenn sie in der konkreten Gestalt eines verbotenen Abzeichens auftreten. Der Zusammenhang entscheidet, nicht die Form allein.

Das Gesetz kennt Ausnahmen, etwa für Kunst, Wissenschaft, Forschung, Lehre und die Berichterstattung. Ein Museum darf eine Uniform zeigen, ein Schulbuch ein Abzeichen abbilden. Für private Kleidung, Tattoos oder Profilbilder gilt das nicht.

Praktisch heißt das: Wer sich für Runen als Schrift interessiert, kann sich damit frei befassen. Wer ein Zeichen verwendet, das im heutigen Gebrauch als Erkennungsmerkmal einer verbotenen Gruppe gilt, bewegt sich in einem anderen Bereich.

Häufige Fragen

Wie viele Runen hat das ältere Futhark?

24, gegliedert in drei Gruppen zu je acht Zeichen.

Sind die Bedeutungen der Runen überliefert?

Die Namen sind aus späteren Quellen erschlossen. Feste Deutungen im Sinn heutiger Orakelkarten gibt es in den Quellen nicht.

Wie alt ist die älteste bekannte Runeninschrift?

Der Kamm von Vimose wird auf 150 bis 200 nach Christus datiert. Einzelne Funde gelten als noch älter.

Was ist das Armanen-Futhark?

Eine 1908 von Guido von List veröffentlichte Reihe aus 18 Zeichen. Sie ist eine Konstruktion ohne Fundgrundlage.

Darf ich mir eine Rune tätowieren lassen?

Einzelne Runen sind erlaubt. Kennzeichen verbotener Organisationen sind es nicht, auch nicht als Tattoo.

Wurden Runen zum Wahrsagen benutzt?

Belegt ist das nicht. Der römische Autor Tacitus beschreibt ein Losverfahren mit Zeichen auf Holzstäbchen, ob es sich um Runen handelte, bleibt offen.

Quellen

Das passt dazu

Drei Artikel, die dieselbe Frage von einer anderen Seite angehen:

Geschrieben von Clara, Redaktion wissenkosmos.de — sie schreibt hier über Wissensthemen und ordnet sie ein.

Nach oben scrollen