Schriftart Tannenberg: Geschichte und Verwendung der Schrift

Veröffentlicht am 30.09.2026 · Lesezeit 6 Min.

Stand: September 2026 · Lesezeit: 6 Minuten

Die Schriftart Tannenberg ist eine gebrochene Groteskschrift, die Erich Meyer zwischen 1933 und 1935 bei der Schriftgießerei D. Stempel AG in Frankfurt am Main entwickelte. Sie erinnert an die Textura, wirkt aber kantig und schmucklos. Ihr Name geht auf die Schlacht bei Tannenberg von 1914 zurück, und im NS-Regime war sie weit verbreitet.

Kurzantwort: Tannenberg ist eine 1933 bis 1935 gestaltete gebrochene Groteskschrift von Erich Meyer. Sie diente im Nationalsozialismus für Stempel, Bücher, Werbung, Propaganda und Bahnhofsschilder.

Das Wichtigste in Kürze

  • Entwurf: Erich Meyer, Stempel AG, Frankfurt am Main
  • Entstehung: 1933 bis 1935 in fünf Schnitten
  • Namensgeber: Schlacht bei Tannenberg 1914
  • Verbreitung: Behörden, Werbung, Propaganda und Reichsbahn

Schriftart Tannenberg: Herkunft und Gestaltung

Wer nach der „Tannenberg Schrift“ sucht, meint meist genau diesen Entwurf. Die Schrift zählt zu den Akzidenzschriften. Das sind Schriften für Titel, Plakate, Anzeigen und Formulare, nicht für lange Fließtexte.

Meyer zeichnete die Buchstaben nach dem Vorbild der Textura, der klassischen gotischen Buchschrift. Er glättete die Formen jedoch stark. Die Striche haben nahezu gleiche Stärke, Schnörkel fehlen. Damit folgt die Schrift den Prinzipien der Neuen Typographie, die in den 1920er- und 1930er-Jahren konstruierte Groteskschriften bevorzugte. Man nannte diesen Zeitgeist „neue Sachlichkeit“.

Die Mischung wirkt ungewohnt. Sie verbindet die Optik alter deutscher Schriften mit der Nüchternheit einer Grotesk. Der Typograf Hans Peter Willberg schrieb über solche Entwürfe, sie hätten mit Fraktur oder Schwabacher formal so gut wie nichts zu tun. Die Setzer nannten sie ironisch „Schaftstiefelgrotesk“.

Die fünf Schnitte im Überblick

Die Stempel AG brachte die Tannenberg in mehreren Schnitten heraus. Die Tabelle zeigt sie mit dem Erscheinungsjahr.

Schnitt Jahr
Tannenberg schmal 1933
Tannenberg 1934
Tannenberg halbfett 1934
Tannenberg fett 1934
Tannenberg licht 1935

Das Klingspor-Museum in Offenbach zeigt Schriftmuster aller Schnitte. So konnten Druckereien je nach Aufgabe zwischen schmal und fett wählen. Die fetten Schnitte eigneten sich für Schlagzeilen und Schilder, die lichte Variante für ruhigere Titel.

Warum heißt die Tannenberg-Schrift so?

Der Name stammt von der Schlacht bei Tannenberg. Sie fand vom 26. bis 30. August 1914 in Ostpreußen statt, südlich von Allenstein. Deutsche Truppen unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff hielten dort den russischen Vormarsch auf. Nach Wikipedia hieß die Schlacht zunächst „Schlacht bei Allenstein“. Auf Wunsch Hindenburgs erhielt sie kurz darauf zu Propagandazwecken den Namen Tannenberg.

Der Ort Tannenberg, heute Stębark in Polen, lag gar nicht im Zentrum der Kämpfe. Der Name sollte an die Niederlage des Deutschen Ordens von 1410 erinnern. Die Schriftgießerei wählte also einen Begriff mit starker nationaler Aufladung. Das passt zum Umfeld von 1933 bis 1935.

Kurzantwort: Die Schrift erinnert an die Schlacht bei Tannenberg im August 1914. Dort besiegten deutsche Truppen russische Armeen, und der Sieg wurde propagandistisch stark gefeiert.

Verwendung im Nationalsozialismus

Die Tannenberg erfreute sich im NS-Regime bald großer Beliebtheit. Sie stand auf Behördenstempeln, in der Buch- und Zeitschriftengestaltung, in der Werbung und in der Propaganda. Ihr harter Look passte zum Auftreten des Regimes.

Die Deutsche Reichsbahn setzte sie ungefähr von 1935 bis 1941 auf Bahnhofsschildern ein. Auf einigen Stationen der 1936 eröffneten Berliner Nordsüd-S-Bahn sind solche Schilder bis heute zu sehen. Ein bekanntes Beispiel ist der Bahnhof Oranienburger Straße.

Wichtig ist die Einordnung. Willberg betonte, dass die typischen „deutschen“ Schriften der Nazis eher diese pseudogotischen Groteskschriften waren. Die klassische Fraktur galt dagegen als traditionelle Buchschrift. Beide Schriftgruppen werden heute oft vermischt. Wer sie auseinanderhält, versteht die Geschichte besser. Mehr über alte deutsche Zeichen erklärt der Beitrag zur Bedeutung deutscher Runen.

Das Ende nach dem Normalschrifterlass 1941

Am 3. Januar 1941 verschickte Martin Bormann einen Rundbrief mit einem Erlass Adolf Hitlers. Darin wurde die Antiqua als „Normal-Schrift“ eingeführt. Das Regime wandte sich damit von den gebrochenen Schriften ab. Der Normalschrifterlass verbannte sie aus Schullehrplänen und dem offiziellen Schriftgebrauch.

Auch die Tannenberg tauchte danach kaum noch in offiziellen Dokumenten auf. Daran änderte sich nach 1945 nichts. Eine Ausnahme ist die „Stuttgarter Erklärung“ der EKD. Sie erschien noch im Januar 1946 im Verordnungs- und Nachrichtenblatt der evangelischen Kirche in dieser Schrift.

Heute begegnet man gebrochenen Schriften noch bei Zeitungsköpfen, auf Schildern, in Firmenlogos und auf Etiketten. Sie stehen dort für Tradition und Geschichte. Auch Tattoo-Studios greifen sie gern auf, dazu passt der Text über die Bedeutung eines Komma-Tattoos als Beispiel für Zeichen mit Aussage.

Tannenberg heute nutzen: Was man wissen sollte

Für Grafik und Layout stellen sich drei Fragen. Erstens die Lizenz: Digitale Nachbildungen gibt es unter verschiedenen Namen, die Nutzungsrechte unterscheiden sich. Zweitens die Lesbarkeit: Als Akzidenzschrift taugt die Tannenberg für kurze Titel, für Fließtext ist sie zu dicht. Drittens die Wirkung: Die Schrift weckt bei vielen Menschen sofort Bilder aus der NS-Zeit.

  • Bei historischen Themen dient sie als Zeitzeugnis, am besten mit erklärender Bildunterschrift.
  • Bei Logos und Werbung sollte man die Assoziation vorher testen.
  • Bei Schildern und Beschriftungen zählt die Lesbarkeit aus der Distanz.

Wer selbst Texte von Hand gestalten möchte, findet in der Anleitung für selbst geschriebene Zettel eine einfache Anregung. Für den geschichtlichen Rahmen anderer Länder bietet sich die Geschichte Japans an.

Fazit

Die Schriftart Tannenberg von Erich Meyer verbindet die Form der Textura mit der Nüchternheit der Grotesk. Sie entstand von 1933 bis 1935 und trägt den Namen der Schlacht von 1914. Im Nationalsozialismus prägte sie Stempel, Werbung, Propaganda und Bahnhofsschilder. Nach dem Normalschrifterlass von 1941 verlor sie ihre Rolle. Wer sie heute einsetzt, sollte Lizenz, Lesbarkeit und historische Wirkung bedenken.

FAQ – Häufige Fragen

Was ist die Schriftart Tannenberg?

Eine gebrochene Groteskschrift von Erich Meyer. Die Schriftgießerei D. Stempel AG in Frankfurt am Main brachte sie zwischen 1933 und 1935 heraus.

Wer hat die Tannenberg entworfen?

Der Schriftkünstler Erich Meyer gestaltete sie bei der Schriftgießerei D. Stempel AG. Das Klingspor-Museum führt ihn als Urheber und zeigt Schriftmuster.

Wann entstand die Tannenberg-Schrift?

Die Schnitte erschienen 1933 bis 1935. Der Grundschnitt sowie halbfett und fett kamen 1934 auf den Markt.

Woher stammt der Name Tannenberg?

Er verweist auf die Schlacht bei Tannenberg im August 1914. Dort schlugen deutsche Truppen unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff die russischen Armeen.

Ist die Tannenberg eine Fraktur?

Nein. Sie gehört zu den gebrochenen Groteskschriften. Ihre Formen lehnen sich an die Textura an und folgen den Prinzipien der Neuen Typographie.

Welche Schnitte gibt es?

Tannenberg, Tannenberg halbfett, Tannenberg fett, Tannenberg schmal und Tannenberg licht. Sie erschienen von 1933 bis 1935.

Wofür nutzte man die Schrift im Nationalsozialismus?

Sie stand auf Behördenstempeln, in Büchern, Zeitschriften, Werbung und Propaganda. Die Reichsbahn setzte sie ab etwa 1935 auf Bahnhofsschildern ein.

Wo sieht man die Tannenberg heute noch?

Auf einigen Stationen der 1936 eröffneten Berliner Nordsüd-S-Bahn hängen bis heute Schilder in dieser Schrift, zum Beispiel am Bahnhof Oranienburger Straße.

Warum verschwand die Schrift nach 1941?

Der Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941 führte die Antiqua als „Normal-Schrift“ ein. Gebrochene Schriften verschwanden danach fast völlig aus offiziellen Dokumenten.

Darf man die Tannenberg heute verwenden?

Rechtlich hängt das von der Schriftlizenz ab. Wegen der Nazi-Geschichte lohnt sich außerdem ein Blick auf die Wirkung, besonders bei Plakaten, Logos und Tattoos.

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Quellen

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