Wie funktioniert eine Brieftaube? Orientierung und Flug

Kurz gesagt: Eine Brieftaube trägt keine Nachricht zu einem beliebigen Ziel. Sie fliegt immer nur nach Hause — zu ihrem eigenen Schlag. Wer eine Nachricht schicken will, muss die Taube vorher zum Absender bringen. Die Orientierung läuft über mehrere Sinne zugleich: Magnetfeld, Sonnenstand, Gerüche und Landmarken.

Warum sie nur heimfliegt

Der Heimkehrtrieb hängt am Schlag, in dem die Taube aufgewachsen ist und in dem ihr Partner und ihre Jungen sitzen. Sie will dorthin zurück — das ist der ganze Antrieb.

Daraus folgt die Einbahnstraße: Eine Nachricht lässt sich nur vom Ort, an den man die Taube gebracht hat, zurück nach Hause schicken. Im Ersten Weltkrieg brachte man Tauben deshalb in Käfigen an die Front, damit Meldungen von dort in die Etappe gelangen konnten.

Das Magnetfeld

Tauben nehmen das Erdmagnetfeld wahr. Im Schnabelbereich und im Innenohr wurden magnetempfindliche Strukturen beschrieben; diskutiert wird außerdem ein lichtabhängiger Mechanismus im Auge, an dem bestimmte Proteine beteiligt sind.

Das Magnetfeld liefert dabei vor allem die Richtung — eine Art Kompass. Es sagt der Taube, wo Norden liegt, nicht, wo sie selbst gerade ist.

Die Sonne als Uhr

Über den Sonnenstand können Tauben die Himmelsrichtung bestimmen. Dafür brauchen sie eine innere Uhr, denn die Sonne wandert im Tagesverlauf.

Verstellt man diese innere Uhr im Versuch — etwa durch künstliche Beleuchtung zu verschobenen Zeiten —, fliegen die Tauben systematisch in eine falsche Richtung. Das ist einer der klarsten Belege dafür, dass sie den Sonnenkompass tatsächlich nutzen.

Bei bedecktem Himmel weichen sie auf andere Sinne aus, deshalb fliegen sie auch bei Wolken heim.

Gerüche und Landmarken

Auf den letzten Kilometern zählt, was die Taube kennt. Flüsse, Autobahnen, Waldränder und Ortschaften dienen als Wegmarken.

Umstritten, aber gut untersucht ist die Rolle des Geruchssinns: Tauben scheinen sich eine Geruchskarte ihrer Umgebung anzulegen und daraus abzuleiten, in welche Richtung ihr Schlag liegt. Tiere, deren Geruchssinn ausgeschaltet wurde, finden schlechter heim.

Auch tieffrequenter Schall wird diskutiert — Infraschall aus Gebirgen und Küsten, der über hunderte Kilometer trägt.

Wie ein Wettflug abläuft

1. Die Tauben werden in der Woche vor dem Flug eingesetzt und mit einem Ring am Bein registriert.

2. Ein Transporter bringt alle Tiere gemeinsam zum Auflassort, oft mehrere hundert Kilometer entfernt.

3. Zu einer festgelegten Uhrzeit werden alle gleichzeitig freigelassen.

4. Zu Hause registriert eine elektronische Anlage die Ankunft, sobald die Taube durch die Einflugklappe schlüpft. Früher musste der Züchter einen Gummiring abnehmen und in eine plombierte Uhr werfen.

5. Gewertet wird nicht die reine Zeit, sondern die Geschwindigkeit in Metern je Minute — die Entfernung jedes Schlags wird per Koordinaten berechnet.

Wie schnell und wie weit

Auf Wettflügen erreichen Tauben Durchschnittsgeschwindigkeiten um 60 bis 80 Kilometer je Stunde, mit Rückenwind deutlich mehr. Übliche Streckenlängen liegen zwischen 100 und 700 Kilometern, bei Weitstreckenflügen darüber.

Junge Tauben werden schrittweise trainiert: zuerst wenige Kilometer, dann in Stufen mehr. Ohne dieses Training finden sie aus großer Entfernung nicht zurück.

Warum Tauben verloren gehen

Nicht jede kommt an. Greifvögel, Erschöpfung, Unwetter und Kollisionen mit Leitungen fordern ihren Anteil.

Diskutiert werden außerdem Störungen der Orientierung durch magnetische Anomalien und durch Sonnenstürme. Es gibt dokumentierte Fälle, bei denen ganze Schwärme nicht heimfanden.

Findet man eine erschöpfte Taube mit Ring, hilft ein Blick auf die Ringnummer: Über den Zuchtverband lässt sich der Besitzer ermitteln. Wasser und etwas Körnerfutter, ein ruhiger Platz — mehr braucht es meist nicht.

Die Geschichte

Der Brieftaubendienst ist Jahrtausende alt. Schon im alten Ägypten und in Persien wurden Tauben zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt, später im Römischen Reich und in der arabischen Welt.

Im 19. Jahrhundert entstanden regelrechte Taubenposten. Während der Belagerung von Paris 1870 und 1871 gelangten auf diesem Weg zehntausende Nachrichten in die eingeschlossene Stadt — die Briefe wurden fotografisch verkleinert, sodass eine einzige Taube tausende Mitteilungen tragen konnte.

In beiden Weltkriegen waren Tauben Teil der militärischen Nachrichtentechnik. Einzelne Tiere wurden ausgezeichnet, weil sie unter Beschuss Meldungen zurückbrachten.

Der Taubensport heute

Die Brieftaubenzucht ist ein organisierter Sport mit Verbänden, Reisevereinigungen und einem festen Wettkampfkalender von Frühjahr bis Spätsommer. Getrennt gewertet werden junge und alte Tauben.

Der Bestand ist seit Jahrzehnten rückläufig — die Zahl der Züchterinnen und Züchter in Deutschland sinkt, das Durchschnittsalter steigt. Zugleich werden für Spitzentiere aus erfolgreichen Linien im internationalen Handel sehr hohe Preise gezahlt.

Haltung und Tierschutz

Ein Schlag muss trocken, zugfrei und hell sein und genug Platz je Tier bieten. Gefüttert wird eine Körnermischung, die je nach Saison unterschiedlich zusammengesetzt ist — im Flug energiereicher, in der Mauser eiweißreicher.

Kritik am Sport richtet sich vor allem gegen Weitstreckenflüge über offenes Wasser, bei denen viele Tiere nicht zurückkehren. Die Verbände haben darauf mit Regeln zu Streckenlängen und Auflassbedingungen reagiert; Tierschutzorganisationen halten das für unzureichend.

Was eine gute Brieftaube ausmacht

Züchter achten auf drei Dinge: die Abstammung, den Körperbau und den Charakter. Die Abstammung wird über Generationen dokumentiert, ähnlich wie bei Pferden.

Körperlich zählen ein kräftiges Brustbein als Ansatz der Flugmuskulatur, eine geschmeidige Feder und ein ausgewogenes Verhältnis von Gewicht zu Flügelfläche. Erfahrene Züchter beurteilen das im Wesentlichen durch Auflegen der Taube auf die Hand.

Der Charakter entscheidet mit: Eine Taube, die schnell in den Schlag zurückkehrt, statt vorher auf dem Dach zu landen, gewinnt Sekunden — und Sekunden entscheiden Wettflüge.

Häufige Fragen

Fliegt eine Brieftaube zu einem beliebigen Ziel?

Nein, immer nur nach Hause.

Wie orientiert sie sich?

Über Magnetfeld, Sonnenstand, Gerüche und Landmarken.

Wie schnell fliegt sie?

Meist 60 bis 80 Kilometer je Stunde.

Wie weit sind Wettflüge?

Üblich sind 100 bis 700 Kilometer.

Was tun mit einer erschöpften Taube?

Wasser und Körner geben, über die Ringnummer den Besitzer ermitteln.

Fliegen Tauben auch bei Wolken?

Ja, dann nutzen sie andere Sinne.

Seit wann gibt es Brieftauben?

Seit dem Altertum, unter anderem in Ägypten und Persien.

Ist der Taubensport umstritten?

Ja, vor allem wegen der Verluste auf Weitstreckenflügen.

Woran erkennt man eine gute Brieftaube?

An Abstammung, Körperbau und dem Willen, sofort einzufliegen.

Quellen

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